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Patrick Stewart: Captain Picard nimmt Kurs aufs 80. Lebensjahr

13.07.2020

Logbucheintrag, wir schreiben das Jahr 1940: In der Kleinstadt Mirfield in der englischen Grafschaft West Yorkshire kommt am 13. Juli ein Junge namens Patrick Stewart auf die Welt. Was zu dieser Sternzeit noch niemand ahnen konnte: Noch schneller als zum gefragten Charaktermimen der Royal Shakespeare Company zu reifen, sollte er lediglich seine Haarpracht verlieren - mit 19.

Geschadet hat dies dem charismatischen Briten nicht, im Gegenteil. Seit den 80ern hält sich die Vermutung, dass Herr Stewart im Grunde nicht mehr altert. Gestützt wird diese steile These von der liebenswerten, geradezu spitzbübischen Freundschaft, die er bis heute mit seinem Sir-Kollegen Ian McKellen (81) pflegt. Auf dem Papier mag Captain Jean-Luc Picard also vielleicht seinen 80. Geburtstag feiern. Die Rente scheint trotzdem noch Lichtjahre entfernt zu sein.

Mordgelüste am eigenen Vater

Dass sich Patrick Stewart zu so einer Frohnatur entwickelt hat, ist angesichts seiner Kindheit keine Selbstverständlichkeit. 2009, im selben Jahr, als er von Queen Elizabeth II. (94) zum Ritter geschlagen wurde, veröffentlichte "The Guardian" einen bemerkenswerten Gastbeitrag von Stewart. Darin berichtet er von seinem gewalttätigen Vater, der im Zweiten Weltkrieg "als einer der allerletzten Männer aus Dünkirchen evakuiert wurde".

Zwar habe der Kriegsveteran nie Stewart selbst angerührt, wohl aber dessen Mutter geschlagen - das habe er "Woche für Woche, Jahr für Jahr und ab dem Alter von sieben Jahren" miterleben müssen. In seinem kindlichen Kopf reifte daher eine schreckliche Gewissheit: "Der Terror und das Leid, welche von [meinem Vater] verursacht wurden, waren so groß, dass ich ihn umgebracht hätte, wenn ich dazu in der Lage gewesen wäre. Hätte es meine Mutter versucht, wäre ich da gewesen, um ihn festzuhalten."

Spuren hat diese traumatische Kindheit hinterlassen, die Stewart aber nutzt, um Gutes zu tun. Leidenschaftlich setzt er sich seither gegen häusliche Gewalt ein und auch für die Organisation "Combat Stress" ist er tätig. Sie hilft Menschen, die unter Kriegsneurosen leiden und so zu Gewalttätern werden - wie Stewarts Vater.

Gefragt und links liegen gelassen

Ab dem Alter von zwölf Jahren flüchtete sich Stewart in andere Welten. Er fing an, Theater zu spielen und kam über ein Stipendium schließlich an die Old Vic Theatre School und mit 19 ins professionelle Theater. Mit 25 dann der berufliche Ritterschlag: Stewart wurde in die renommierte Royal Shakespeare Company aufgenommen, der er bis heute als Ehrenmitglied beiwohnt.

In Film- und Fernsehproduktionen wurde das Ausnahmetalent hingegen lange verschmäht. Eine erste etwas größere Produktion ("Ich Claudius, Kaiser und Gott") ließ im Serienfach bis 1976 auf sich warten, im Kino musste er gar bis 1980 ("Der kleine Lord") ausharren. Es folgten weitere kleine Rollen in "Excalibur" (1981) und "Der Wüstenplanet" (1984). Ob Patrick Stewart wohl in der Versenkung gelandet wäre, wenn er sich 1987 nicht in fremde Galaxien abgesetzt hätte?

Kapitän und Mutant

Die Rolle des Sternenflottenkapitäns Jean-Luc Picard in "Raumschiff Enterprise - Das nächste Jahrhundert" war für Stewart gleichermaßen banal wie anspruchsvoll. Rein schauspielerisch war er hoffnungslos überqualifiziert für den Part, trat allerdings die Nachfolge des ikonischen Captain Kirks (William Shatner, 89) an. Lange dauerte es aber nicht und der Kapitän mit dem britischen Akzent und dem Hang zu Shakespeare-Zitaten hatte sich mit Warpgeschwindigkeit in die Herzen der Trekkies gespielt.

178 Folgen lang durfte er in sieben Staffeln an Bord der Enterprise dienen - so lange wie kein anderer "Star Trek"-Kapitän. Hinzu kamen noch vier Kinofilme über Picard und seine Crew, von denen allerdings nur "Star Trek: Der erste Kontakt" die Kritiker vollends überzeugen konnte.

Noch bevor er als Raumschiffkapitän in (vorübergehenden) Ruhestand befördert wurde, schaffte er es zum Aushängeschild einer weiteren namhaften Reihe. Im Jahr 2000 erschien der erste "X-Men"-Film, Stewart verkörpert darin den mächtigen und rechtschaffenen Mutanten Professor Charles Xavier. Der Geniestreich der Produzenten: Als einstiger Freund und nun Todfeind Erik Lensherr/Magneto wurde Stewarts langjähriger Weggefährte Ian McKellen engagiert.

Die kannten sich bereits aus den 70er Jahren vom Theater und verhalfen einer vermeintlich seichten Superhelden-Geschichte zu erstaunlich viel Tiefgang und Komplexität. Also im Grunde das, was Stewart schon mit seiner Rolle als Picard gelang - geistreicher Mainstream.

Gute Freunde kann niemand auseinander beamen

Erstmals heiratete Patrick Stewart im Jahr 1966, damals die Choreographin Sheila Falconer. Ihre Ehe hielt bis 1990, rund zehn Jahre später wagte er erneut den Gang vor den Traualtar. Die Braut, Produzentin Wendy Neuss, lernte er dank "Raumschiff Enterprise" kennen - ebenso wie seinen Trauzeugen. Der war niemand Geringeres als Brent Spiner (71) alias "Star Trek"-Figur Data. Die Ehe hielt - anders als die Freundschaft - allerdings nur drei Jahre.

Noch einen Schritt weiter ging das Vertrauen in einen guten Kumpel bei Ehe Nummer drei. Als er im September 2013 die 38 Jahre jüngere Sängerin Sunny Ozell ehelichte, führte Sir Ian McKellen durch die Zeremonie. Der hatte kurz zuvor einen Priesterschein im US-Bundesstaat Kalifornien gemacht und begeisterte die Anwesenden mit einer emotionalen Rede: "Es war sehr bewegend. Ich habe mich umgesehen und die Gäste haben sich die Tränen weggewischt - Männer wie Frauen", zitiert "USA Today" den Schauspieler. Der Höhepunkt einer herzerwärmenden Altherren-Bromance, die nun seit über 50 Jahren existiert.

Noch lange nicht ausgedient

Wie sehr ihn alte Wegbegleiter und Fans gleichermaßen schätzen, das geht aus Stewarts jüngstem Projekt hervor. Mit "Picard" hat er seit 2019 und erstmals seit "Star Trek: Nemesis" (2002) wieder die Sternenflottenuniform an. Stars wie Spiner, Jonathan Frakes (67, William T. Riker) oder Marina Sirtis (65, Deanna Troi) ließen es sich nicht nehmen, Gastauftritte hinzulegen. Eine zweite Staffel der Sci-Fi-Serie ist bereits in der Mache. Bald wird Stewart also wieder in Galaxien vordringen, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat - und welcher 80-Jährige darf das schon von sich behaupten?

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