AFP, LLUIS GENE

Zehntausende deutsche Schüler beteiligen sich an erstem Weltklimastreik

15.03.2019

Hamburg (AFP) - Wütende Jugendproteste von Neu Delhi und Bangkok bis Paris und Berlin: Massenhaft haben Schüler in mehr als hundert Ländern am Freitag für mehr Klimaschutz gestreikt. Allein in Deutschland gingen Polizei und Veranstaltern zufolge zehntausende junge Leute mit handgemalten Plakaten und lauten Sprechchören auf die Straßen, um die Politiker zum Handeln aufzufordern.

In Berlin zogen schätzungsweise zehntausend Schüler und Studenten vor das Bundeswirtschaftsministerium, in München kamen nach Angaben der Polizei 8000 zusammen. In Frankfurt am Main sowie Bremen waren es je 5000 Demonstranten, in Köln ebenfalls mehrere tausend. Selbst in mittleren und kleineren Städten waren es demnach vielfach etliche hundert. Weltweit waren Proteste in fast 1700 Städten angekündigt.

Begonnen hatte die globale Protestwelle am Freitagmorgen in Asien und Ozeanien, wo ebenfalls zehntausende junge Menschen unterwegs waren. Demonstrationen gab es unter anderem in Sydney, Bangkok, Neu Delhi, Hongkong und Wellington. Die Teilnehmer trugen Plakate wie "Ihr zerstört unsere Zukunft", "Wir streiken, um die Erwachsenen weiterzubilden" oder "Ich bin nicht wütend, nur enttäuscht."

Seit Monaten boykottieren in vielen Ländern weltweit junge Leute aus Protest gegen mangelnde Klimaschutzbemühungen einmal pro Woche den Unterricht. Der globale Protesttag am Freitag ist der bisherige Höhepunkt der Aktionen, die in Deutschland unter dem Namen Fridays for Future laufen. Inspiriert werden die Proteste der Schüler von der jungen Schwedin Greta Thunberg, die im Sommer des vergangenen Jahres mit einem wöchentlichen Solostreik begann.

Thunberg beteiligte sich am Freitag in Stockholm. "Wir durchleben eine existenzielle Krise, die schon Jahrzehnte ignoriert wird", sagte die 16-Jährige dort. Sie habe die Bewegung der Schüler nicht ausgelöst, diese habe lediglich einen "Zündfunken" gebraucht. In der ugandischen Hauptstadt Kampala kritisierte der Student Sadrach Mirere, einer der dortigen Organisatoren: "Die heutigen Führer werden alt und sterben - und hinterlassen eine ruinierte Welt."

Im Tagesverlauf breiteten sich die Proteste nach Afrika, Europa und bis in die USA und andere amerikanische Länder aus. In Deutschland waren mehr als 220 Demonstrationen geplant, ähnlich wie in Frankreich und Italien. Größere Proteste gab es unter anderem in Wien, Zagreb, Barcelona, London, Paris und Kopenhagen.

Dass die Jugendlichen während der Unterrichtszeit streiken, sorgt in vielen Ländern für Kritik. Gegner kritisieren die Klimaproteste als Schulschwänzerei. Andererseits unterstützen etwa in Deutschland unter anderem Eltern- und Wissenschaftlerinitiativen die Schüler.

Einer am Freitag veröffentlichten repräsentativen Umfrage für das ZDF-"Politbarometer" unterstützen zwei von drei Deutschen (67 Prozent) die Schülerproteste während der Unterrichtszeit. Auch Umweltorganisationen und Parteien wie Grüne und Linke loben sie.

Die deutsche Mitorganisatorin der Streiks, Lisa Neubauer, warnte am Freitag im Südwestrundfunk davor, beim Thema Klimaschutz die Generationen gegeneinander aufwiegeln zu wollen. Wenn Politiker sich dahingehend äußerten, dass es entweder um die "Zukunft der Jungen" oder die "Rente der Alten" gehe, sei das "ganz gefährlich". In Neu Delhi wies die 16-jährige Demonstrantin Srijani Datta darauf hin, dass viele Schüler bald wählen dürften. "Und wir sorgen uns ums Klima."

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) lobte das Engagement der Schüler generell, distanzierte sich aber von Protesten während des Unterrichts. Er könne das Anliegen "grundsätzlich verstehen", sagte er den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland. Es wäre aber "noch besser", wenn die Demos außerhalb der Schulzeiten wären.

Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter rief die Bundesregierung angesichts der Schülerstreiks dagegen zu einer Änderung ihrer Prioritäten auf. "Die politischen Entscheider tun nicht ansatzweise genug, um die Lebensgrundlagen der jungen Generation zu schützen", sagte er der Nachrichtenagentur AFP. Die Debatte über die Zulässigkeit von Streiks während des Unterrichts sei nur ein Ablenkungsmanöver.

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