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"A Beautiful Day": So brutal kann ein schöner Tag sein

25.04.2018

Zwei Reaktionen sind bei Menschen am wahrscheinlichsten, die den Trailer zu "A Beautiful Day" gesehen haben: "Diesen Film muss ich unbedingt gucken" - oder "Keine zehn Pferde bringen mich dafür ins Kino". Die eine Seite hat die knapp zweiminütige Vorschau betrachtet und sich sofort an die Ruhe vor dem Gewalt-Sturm erinnert gefühlt, den Filme wie "Drive", "Taxi Driver" oder "Oldboy" so meisterlich auf einen niederprasseln ließen. Die Gegenseite vermutet derweil ähnlich überstilisierte Bildsprache und unzugängliche Handlung. Recht haben beide Lager.

Zwischen Dante und Ödipus

Ein junges Mädchen wird vermisst. Es ist die Tochter des New Yorker Senators Albert Votto, der das schlimmste befürchtet und sein Kind in den Fängen eines Menschenhändler-Rings vermutet. Der Kriegsveteran Joe (Joaquin Phoenix), ein brutaler und vom eigenen Leben sowohl gequälter als auch gezeichneter Mann fürs absolut Grobe, startet die brachiale Rettungsmission. Vielleicht gibt es nach all dem Blutvergießen am Ende auch für Joe ein Erwachen aus seinem gelebten Albtraum?

Im Sumpf aus Korruption, Macht und Vergeltung entfesselt er einen Sturm der Gewalt. Doch als es ihm tatsächlich gelingt, das Mädchen Nina ausfindig zu machen und es aus der Hölle der Kinderschänder zu befreien, geht Joes Martyrium erst richtig los. Jemand sehr mächtiges scheint größtes Verlangen danach zu haben, Nina zurück in die Finger zu bekommen. Und wie Joe ist dem unbekannten Scheusal dabei ebenfalls jedes noch so blutrünstige Mittel recht.

Heiligt der Zweck die Mittel?

In Person von Hauptfigur Joe bekommt der Zuschauer einen durch und durch gebrochenen Menschen präsentiert - meisterhaft und überzeugend dargestellt von Phoenix. Ein Mann, der von Kindesbeinen an gelernt hat, dass Gewalt alle Lebenslagen beherrscht. Durch seinen Vater, der seine Mutter auf bestialische Weise misshandelt hat und zu der Joe fast schon eine Art ödipale Beziehung aufgebaut hat. Durch die Schrecken des Krieges, in denen er als Soldat miterleben musste, wie selbst ein Schokoriegel zum Anlass werden kann, um ein Menschenleben zu beenden. Und nicht zuletzt durch all die unschuldigen Wesen in den Fängen menschlicher Monster, die zu befreien er sich zum Lebenssinn gemacht hat. Für ihn heiligt der Zweck nicht nur die Mittel, für ihn gehen sie seit jeher Hand in Hand.

Ein Hammer hat es ihm als Werkzeug der Gerechtigkeit besonders angetan. Kein Wunder, dass vielen Cineasten die Assoziation mit "Oldboy" oder "Drive" kommt - niemand, der die beiden Filme gesehen hat, wird den darin gezeigten zweckentfremdeten Einsatz dieses Werkzeugs je wieder vergessen. Von seiner düsteren Grundstimmung her ähnelt er aber am meisten Martin Scorseses (75) Meisterwerk "Taxi Driver" (1976) mit De Niro (74) als Racheengel und Held wider Willen. Doch "A Beautiful Day" ist dennoch einzigartig: Es ist ein Film über Gewalt, der aber so gut wie keine direkt zeigt.

Film oder Fiebertraum?

Durch raffinierte filmtechnische Mittel inszeniert Regisseurin Lynne Ramsay (48) exzessive Gewaltorgien, ohne sie dem Zuschauer bildlich vor Augen zu führen. Aus der Sicht einer Überwachungskamera etwa wird weggeschnitten, als Joe gerade zum tödlichen Schlag ansetzt. Als die Kamera wieder am Ort des blutigen Geschehens ist, sehen wir nur einen leblosen Körper am Boden liegen. Ramsay zeigt mit wenigen Ausnahmen nur die grausamen Folgen, nicht aber die Gewalt selbst. Das überlässt sie der Fantasie der Zuschauer - und die hat bekanntlich keine Grenzen.

Ähnlich verlangt sie von den Kinogängern aber auch, sich aus den zahlreichen unkommentierten Schauwerten die tragische Vorgeschichte von Joe zusammenzusetzen. Bruchteilhafte Rückblenden lassen erahnen, warum er ein so inniges Verhältnis zu seiner Mutter hat, warum ihn die stumpfe Gewalt eines Hammers nicht loslässt. Wer sich darauf einlässt und alle Anzeichen für sich interpretieren mag, für den wird aus dem rechtschaffenen Schlächter eine ungemein spannende Figur. Groß ist aber auch die Gefahr, dass "A Beautiful Day" als zusammenhangslose und absichtlich unverständliche Pseudo-Filmkunst angesehen wird.

Fazit:

Erleben Zuschauer mit "A Beautiful Day" einen schönen Kino-Tag? Nur, wenn sie über den entsprechenden Magen verfügen. Auch am großen Vorbild "Taxi Driver" scheiden sich bis heute die Geister. Wer Scorseses Rachefeldzug gegen die Gesellschaft im DVD-Schrank stehen hat, der macht mit Ramsays Streifen nichts verkehrt. Wer Joaquin Phoenix aber wegen Filmen wie "Her" feiert und deswegen so viel wie möglich von dem ausdrucksstarken Mimen sehen will, dem wird "A Beautiful Day" wahrscheinlich sogar die ganze Woche verhageln.